Stark befahrene Autobahn in den Niederlanden. Das Wirtschaftswachstum nimmt in ganz Europa an Fahrt auf und macht den Kontinent zu einem globalen Handelsmotor (Aufnahme: Halfpoint/iStock by Getty Images).

Stark befahrene Autobahn in den Niederlanden. Das Wirtschaftswachstum nimmt in ganz Europa an Fahrt auf und macht den Kontinent zu einem globalen Handelsmotor (Aufnahme: Halfpoint/iStock by Getty Images).

Europa: ein globaler Handelsmotor, der sich auf schlechtere Zeiten vorbereiten sollte

13. November 2017

Alle Volkswirtschaften Europas sind im Wachsen begriffen und der Kontinent ist zu einem globalen Handelsmotor geworden, befindet der jüngste Regionale Wirtschaftsausblick (Regional Economic Outlook) des IWF vom 13. November. Allerdings sollten die Länder ihre Haushalte mit einer gewissen Manövrierfähigkeit ausstatten, damit sie ihre Volkswirtschaft auch in schlechteren Zeiten am Laufen halten können.

Die Erholung in Europa hat an Tempo zugelegt: Das reale BIP-Wachstum für 2017 wird mit 2,4 Prozent projiziert, was die Erwartungen vom April 2017 übertrifft und über den 1,7 Prozent von 2016 liegt. Das Wachstum in den Mitgliedsländern des Euroraums ist fast zwanzig Jahre lang nicht so ausgewogen gewesen wie jetzt. In Mitgliedsländern, die EU-Mittel zur Unterstützung ihrer Wirtschaft bekommen, damit sie mit ihren wohlhabenderen Partnern gleichziehen können, beschleunigte ein Mehr an Zuflüssen das Wachstum. 
 

  

Im Vereinigten Königreich dagegen verlangsamte sich das Wachstum aufgrund des schwächeren Pfunds, das die Haushalte belastete. In Russland werden erhöhte Zuversicht aufseiten der Verbraucher, höhere Ölpreise und günstigere Finanzierungskonditionen das Wachstum weiterhin unterstützen, während die Volkswirtschaft der Türkei dank der Haushaltsunterstützung 2017 an Dynamik gewann.

   

Das europäische Wachstum beruht in erster Linie auf interner Nachfrage, wie stärkere Investitionstätigkeit. Handel macht dieses Wachstum inzwischen auch im Rest der Welt spürbar: Der Beitrag Europas zum Anstieg der globalen Warenimporte 2016-17 ist ähnlich hoch wie der von China und den Vereinigten Staaten zusammen.

  

Dank dem breit aufgestellten Wachstum ging die Arbeitslosigkeit überall auf dem Kontinent zurück. In vielen reicheren Ländern stiegen die Löhne langsam, während sie in Mittel- und Südosteuropa in den letzten Jahren und insbesondere auf dem Dienstleistungssektor stark zulegten. Allerdings konnte in den letzten beiden Jahren das Produktivitätswachstum in diesen Ländern nicht mit dem Lohnanstieg Schritt halten. Dieser Trend könnte letzten Endes den Wettbewerbsvorteil der Schwellenländer Europas schmälern.

Das Dach ausbessern

Die unmittelbaren Wachstumsaussichten für Europa sind positiv, langfristig bleiben aber Herausforderungen bestehen. In vielen europäischen Ländern ist das Polster für schlechte Zeiten immer noch dünn und das Produktivitätswachstum schwach, und es gibt noch notleidende Kredite aus der Finanzkrise von 2008. Bevölkerungsalterung, zunehmender Protektionismus, geopolitische Spannungen– und Exportverluste wegen der Abkühlung in China ergänzen allesamt die Risiken, die das langfristige Wachstum bedrohen.

Deshalb sollten alle Staaten Europas den gegenwärtigen Konjunkturaufschwung nutzen und ihren Volkswirtschaften die Anpassung erleichtern.

  • Reife Volkswirtschaften Europas mit hoher Staatsverschuldung, wie Belgien, Frankreich, Italien, Portugal, Spanien und das Vereinigte Königreich, sollten ihre Schulden abbauen, ohne jedoch den wirtschaftlichen Aufschwung zu gefährden.
  • Deutschland, die Niederlande und Schweden – Länder mit ausreichend Spielraum in ihren Haushalten – sollten ihr potenzielles Wachstum durch mehr öffentliche Investitionen in Infrastruktur, die Integration von Immigranten und Wohnungsbau steigern.
  • In vielen Schwellenmärkten, darunter Ungarn, Polen und Rumänien, sowie einige Länder im westlichen Balkan und in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, sind die Haushaltsdefizite noch relativ groß. Diese Länder sollten die Qualität ihrer öffentlichen Ausgaben verbessern und die Zusammensetzung ihrer Einkünfte ändern, ohne aber die Wettbewerbsfähigkeit der Regionen zu gefährden.

Die Währungsunion der Europäischen Union, der aus 19 Mitgliedern bestehendeEuroraum, muss kräftiger sein, wenn eventuelle Schwierigkeiten in einem Mitgliedsland nicht zu einem Dominoeffekt führen sollen. Deshalb muss die Europäische Union die Bankenunion und die Kapitalmarktunion zum Abschluss bringen; hierzu gehören auch der Aufbau eines Einlagensicherungssystems für Krisenfälle unter den Banken und eines gemeinsamen Instrumentariums für die Haushaltsplanung, die die Widerstandskraft des Euroraums erhöhen könnten. Parallel dazu muss der Block die Probleme auf dem Bankensektor lösen, die noch von der Finanzkrise stammen, und sich eng an die gemeinsamen fiskalischen Regeln halten, die das maximale Haushaltsdefizit vorgeben. (Kapitel 3 des Regional Economic Outlook beschreibt, wie die Auswirkungen der Finanzkrise den Bankensektor im westlichen Balkan immer noch behindern.)

Institutionelle Reformen für bessere Geschäfte

Seit der Krise geht die Annäherung der aufstrebenden Länder Europas an die wohlhabenderen Nationen des Kontinents langsamer vonstatten. Eine neue Generation von Reformen könnte dem Prozess wieder mehr Schwung zu verleihen; sie müssten auf die Stärkung der Institutionen abzielen, und der rechtliche Rahmen ist eine unabdingbare Institution und ein entscheidendes Element des Geschäftsumfelds. (Kapitel 2 des Regional Economic Outlook enthält Lösungsvorschläge, wie Länder die Qualität ihrer Justiz verbessern können.)

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