Griechenland hat seine außergewöhnlich hohen Haushalts- und
Leistungsbilanzdefizite ausgeglichen und Wachstum wiederhergestellt. Jetzt
muss das Land die Nachwirkungen der Krise beseitigen und inklusives
Wachstum fördern, so der IWF in seinem jährlichen Gesundheitscheck der
griechischen Volkswirtschaft.
Anlässlich der Veröffentlichung des Jahresberichts zum Zustand der
griechischen Wirtschaft traf sich IWF-Länderfokus mit Peter Dohlman, dem
Missionsleiter für das Land, zu einem Gespräch über die Ergebnisse des
Berichts, die wichtigsten Empfehlungen zur Verbesserung von
Wachstumsaussichten und Lebensstandard und die künftige Beziehung des Fonds
zu Griechenland.
Das Programm zwischen Griechenland und dem IWF geht zu Ende. Was hat
Griechenland in dieser Zeit erreicht?
Bevor ich Ihre Frage beantworte, möchte ich Griechenland mein Beileid
aussprechen für die tragischen Waldbrände in Attika.
Doch nun zu Ihrer Frage. Griechenland kann eine Menge Erfolge vorweisen. Es
hat seine außergewöhnlich hohen Haushaltsdefizite abgebaut (von einem
Defizit von 15 Prozent des BIP 2009 zu einem Überschuss von knapp über
einem Prozent 2017) und seine Außenwirtschaftstransaktionen, seine
Leistungsbilanz, nahezu ausgeglichen. Dazu waren einige schwierige
Entscheidungen nötig, einschließlich Renten- und Steuerreformen, sowie
Verbesserungen in der öffentlichen Verwaltung, zum Beispiel eine
unabhängigere Einkommensverwaltung.
Gleichzeitig hat Griechenland bessere soziale Sicherheitsnetze geknüpft,
wie das Solidaritätseinkommen. Das Land machte zudem seine Arbeitsmärkte
flexibler und Löhne wettbewerbsfähiger.
Im Bereich Waren und Dienstleistungen wurden viele Sektoren entsprechend
den Empfehlungen der OECD liberalisiert, das Regelwerk für
Investitionslizenzen wurde unternehmensfreundlicher und
Wettbewerbsschranken für mehrere geschlossene Berufe wurden aufgehoben.
Erst vor kurzem verabschiedete Griechenland wichtige Gesetze zur Abwicklung
notleidender Kredite, was für die Gesundung der Banken unabdingbar ist.
Diese Bestrebungen haben im Verbund mit besseren außenwirtschaftlichen
Bedingungen und anderen Faktoren das Wachstum wiederhergestellt. Wir gehen
deshalb davon aus, dass das Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze
mittelfristig zulegen werden. Des Weiteren bewertete die Regierung die
Kapitalmärkte neu, bis jetzt aber hauptsächlich für das Management von
Verbindlichkeiten.
Die gebilligte Bereitschaftskredit-Vereinbarung des IWF wurde nie
aktiviert. Heißt das, dass Griechenland seine Reformen nur unzureichend
umgesetzt hat?
Die Vereinbarung zur Unterstützung des staatlichen Anpassungsprogramms für
die Wirtschaft wurde grundsätzlich gebilligt und sollte in Kraft treten,
sobald der Fonds bestimmte und glaubwürdige Versicherungen von den
europäischen Partnern Griechenlands zur Gewährleistung der
Schuldentragfähigkeit bekam – unter der Voraussetzung dass das griechische
Wirtschaftsprogramm nach Plan verläuft.
Obwohl die Versicherungen zur Schuldenerleichterung nicht rechtzeitig
kamen, gab die Vereinbarung den Gläubigern ein gewisses Maß an Vertrauen,
Geld an Griechenland auszuzahlen, und trug zum Abschluss der zweiten
Prüfung des ESM-Programms im Juli 2017 bei.
Sie lieferte auch einen guten Rahmen, in dem wir die Politikmaßnahmen eng
mit Griechenland und den europäischen Institutionen koordinieren konnten,
und sie stärkte die Zugkraft.
Ist das Land nach seiner hart erkämpften Erholung jetzt über den
Berg?
Griechenland hat zwar viel erreicht, aber es gibt noch beträchtliche
Nachwirkungen aus der Krise. Bekannte Beispiele sind die außerordentlich
hohe Staatsverschuldung, notleidende Kredite, Arbeitslosigkeit und hohe
Armutsquoten.
Griechenland muss diese Nachwirkungen angehen. Zugleich muss es nachhaltig
höheres Wachstum erreichen und im Euroraum wettbewerbsfähig bleiben. In
unserem Stabsbericht fordern wir einen Ausgleich der Fiskalpolitik, um das
Wachstum besser zu unterstützen und soziale Sicherheitsnetze zu stärken;
eine aggressivere Stärkung der Bankbilanzen, damit wieder Kredite vergeben
werden können; und weitere Schritte zur Förderung von Produktivität und
Governance. Griechenland muss weiterhin Sozial- und Investitionsausgaben
schützen und innerhalb der hohen Überschussziele agieren, die das Land mit
den europäischen Institutionen vereinbart hat.
Wie wird der Fonds zukünftig mitwirken?
Wie bei allen Fondsmitgliedern werden wir unseren jährlichen
Gesundheitscheck der Volkswirtschaft durchführen, also die
Artikel-IV-Konsultation, zu der umfassende Gespräche mit den griechischen
Behörden über das gesamte Spektrum der Wirtschaftspolitik gehören. Der
Fonds überwacht zudem Länder in der Folgezeit eines Programms, wenn nach
Beendigung des Programms noch hohe Zahlungen an uns ausstehen; wir werden
also häufiger Kontakt mit den Behörden Griechenlands haben als beim
jährlichen Artikel-IV-Zyklus.
In diesem Zusammenhang werden wir zweimal jährlich an unser
Exekutivdirektorium berichten: durch den Artikel-IV-Konsultationsprozess
und die Überwachung in der Programmfolgezeit und später die
Veröffentlichung unserer Ergebnisse. Bei dieser Tätigkeit arbeiten wir mit
den europäischen Institutionen zusammen.
Ein Großteil unserer Beziehungen mit Griechenland in den letzten Jahren
entfiel auf technische Hilfe, und wir gehen davon aus, dass wir auf Antrag
der Behörden auf bestimmten Gebieten damit weitermachen werden, wie
Verwaltung von Einkünften und Verwaltung der Staatsfinanzen.
Griechenland ist noch sehr hoch verschuldet. Ist die
Schuldenerleichterung vonseiten der europäischen Partner für
Griechenland ausreichend?
Die unlängst verabschiedete Schuldenerleichterung durch die europäischen
Partner im Verbund mit einem großen Geldpuffer und der Tatsache, dass es
sich bei den meisten Staatsschulden Griechenlands um niedrig verzinste
Schulden des öffentlichen Sektors handelt, trägt zu einer wesentlichen
Verbesserung der Aussichten bei, dass Griechenlands seinen Marktzugang
mittelfristig behalten wird.
Wenn die Schulden des öffentlichen Sektors jedoch fällig und durch
kostspieligere Marktschulden ersetzt werden, wird die Bedienung der
Schulden für Griechenland nach und nach schwieriger. Griechenland muss
viele Jahre lang hohes BIP-Wachstum erreichen und gleichzeitig große
Primärhaushaltsüberschüsse erzielen, wenn es seine öffentliche Verschuldung
weiterhin abbauen will.
Die Zusage der europäischen Partner, im Bedarfsfall nach einer Überprüfung
2032 weitere Schuldenerleichterung zu gewähren, ist in dieser Hinsicht ein
wichtiges Auffangnetz.
Es wurde viel über die starken Rentenkürzungen gesprochen, die die
Regierung im Rahmen des Kreditprogramms vorgenommen hat. Warum sind sie
notwendig?
Diese im Voraus verabschiedeten Gesetze werden 2019 in Kraft treten und
sind ein weiterer Schritt in Richtung inklusives Wachstum. Sie werden den
allgemeinen Haushaltssaldo des Staates nicht ändern, aber zu einem
ausgewogeneren Verhältnis zwischen Rentenausgaben, gezielter sozialer
Unterstützung (so etwa für einkommensschwache Haushalte und Arbeitslose)
und Investitionen beitragen.
Rentenreform ist unabdingbar, damit das System seine Verbindlichkeiten
gegenüber den Rentnern langfristig erfüllen kann; sie wird auch für mehr
Gerechtigkeit im System sorgen – sowohl in der jetzigen Generation von
Rentnern als auch zwischen jetzigen und künftigen Rentnern. Manche Rentner,
die lange Jahre Beiträge eingezahlt haben, werden von dieser Reform
profitieren.
Auf ihrem Höhepunkt 2015 verschlangen Renten 38 Prozent der allgemeinen
öffentlichen Haushaltsausgaben und machten Staatstransfers in das
Rentensystem in Höhe von 9,5 Prozent des BIP notwendig. Das
Sozialhilfesystem Griechenlands konzentrierte sich damals stark auf Renten,
die äußerst großzügig im Vergleich zu Gehältern oder zu den Beiträgen, die
die Rentner während ihrer Berufsjahre eingezahlt hatten, ausfielen. Die
massiven Ausgaben für Renten, einschließlich der Renten für relativ
wohlhabende Bürger, ließ wenig Raum für die direkte Unterstützung der
Bevölkerung, die am stärksten von Armut gefährdet war, so etwa
einkommensschwache Haushalte und Arbeitslose.
Warum sieht der IWF die Pläne der Behörden zu einer Rückkehr zum
alten Tarifverhandlungssystem mit Sorge?
Zu den größten Leistungen Griechenlands in den letzten acht Jahren gehören
ein flexiblerer Arbeitsmarkt und eine wettbewerbsfähigere Lohnstruktur nach
den Tarifverhandlungsreformen von 2011. Der Staat betrachtete diese
Änderungen stets als vorübergehend und will sie jetzt wieder umkehren. Das
heißt, dass die Regierung einmal mehr die zwischen Arbeitgeber- und
Arbeitnehmervertretern in einem bestimmten Sektor oder Berufszweig
ausgearbeiteten Tarifverträge auf alle Arbeitnehmer in diesem Sektor oder
Beruf ausdehnen muss.
Das führt zu weniger Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt und möglicherweise
zu einer Entkoppelung von Löhnen und Produktivität auf Unternehmensebene,
was keine guten Voraussetzungen sind, um die Arbeitslosigkeit abzubauen und
die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands im Euroraum zu stärken. Es schränkt
auch die Flexibilität der Firmen für Umstrukturierungen ein, die angesichts
des Schuldenüberhangs von Banken, Steuern und Sozialversicherungen nach wie
vor notwendig ist.
Kann man die Banken Griechenlands jetzt als gesund betrachten?
Die Banken Griechenlands wurden von der Krise schwer getroffen. Nach dem
Einschreiten des Privatsektors in die Umstrukturierung von Staatsschulden
2012 haben die griechischen Banken an Wert verloren. Dieser Wertverlust
wurde durch Bankkreditnehmer verschärft, die einfach nicht in der Lage
waren, ihre Kredite zu bedienen, und durch absichtlich säumige Zahler, die
sich den Schuldnerschutz in einem schlecht funktionierenden Justizsystem
zunutze machten und Kredite nicht mehr bedienten, die sie sehr wohl
zurückzahlen konnten. Im Verbund mit den starken Abflüssen von Einlagen in
der ersten Jahreshälfte 2015 wurde dadurch die Fähigkeit der Banken, neue
Kredite bereitzustellen, stark eingeschränkt.
Allerdings hat sich in wichtigen Punkten eine schrittweise Verbesserung
eingestellt, so bei der Liquidität insgesamt, bei der Vermögensqualität und
Governance. Die Portfolios der Banken schrumpfen jedoch weiter, was
negative Folgen für die Kreditvergabe hat, und es bleibt noch viel zu tun,
um das Vertrauen in das Finanzsystem wieder voll herzustellen und die Rolle
der Banken als Vermittler neu zu beleben.
Man muss betonen, dass die Behörden jetzt stärkere Gesetze und
regulatorische Regelwerke zur Verfügung haben, um notleidende Kredite
abzuwickeln. Diese Instrumente sollte man einsetzen und verbleibende
Einschränkungen der Kapitalströme umsichtig im Einklang mit der
vereinbarten Vorgehensweise aufheben.
Das Reformprogramm Griechenlands läuft weiter. Welchen Nutzen kann
sich das Land von der Umsetzung dieser Reformen erwarten?
Griechenland braucht höheres, inklusiveres und nachhaltiges Wachstum.
Griechenland steht an einem schwierigen demografischen Wendepunkt: seine
Bevölkerung altert und wird kleiner, was weniger Erwerbstätige bedeutet.
Deshalb muss es noch mehr tun, um die Beteiligung am Arbeitsmarkt und
Produktivität zu erhöhen und Investitionen anzulocken.
Wir gehen davon aus, dass sich der volle Nutzen bestehender Reformen
schrittweise bemerkbar machen wird. Nachhaltige Reformbestrebungen über die
bereits in der Pipeline befindlichen Reformen hinaus sind notwendig, wenn
Griechenland mehr Investitionen ins Land holen, mehr hochwertige
Arbeitsplätze schaffen und besseren sozialen Schutz gewähren will.
Die unbeirrte Umsetzung von Reformen wird den Wohlstand und das Wohlergehen
der griechischen Bevölkerung schrittweise verbessern, die griechische
Wirtschaft widerstandsfähiger gegenüber Schocks machen und die Lücke zu den
Partnern im Euroraum schließen.